Veröffentlicht am 28.12.2009, Offenbach-Post

Festlich zur Bescherung geleitet

Heusenstamm ‐ Nicht alle Besucher von Weihnachtsgottesdiensten werden so festlich zur Bescherung nach Hause geleitet. Wer die Feier der Freien evangelischen Gemeinde am Weiskircher Weg an Heiligabend verlässt und noch ein wenig Zeit mitbringt, der wird sozusagen von ganz oben aufs Fest eingestimmt. Von Michael Prochnow

Das „Turmblasen“ vom Balkon der Familie Duwensee im oberen Geschoss des Gebäudes schräg gegenüber des Gotteshauses lockt aber auch Schlossstädter anderer Konfessionen an.

Manche rufen vorher an, um sich zu erkundigen, ob auch diesmal Weihnachtslieder gespielt werden“, lächelt Günter Duwensee. Erfahrene Zuhörer der würdevollen Tradition bereiten sich schon professionell vor: Ein Nachbar stellt einen Camping-Klapptisch in die Einfahrt und schenkt heiße Getränke aus. Andere packen Thermoskannen aus und postieren sie vor sich auf einen Stromkasten. Allen rund 120 Besuchern ist gemein, dass sie bis zum abschließenden „Stille Nacht, heilige Nacht“ andächtig auf dem Bürgersteig verharren und dankbar Applaus nach oben schicken.

Die Wiese neben dem Gemeindezentrum ist wie von einem Zaun aus Menschen umgeben, die in Andacht erstarrt in die Höhe blicken. So spielt das Quartett hinter den Beton-Blumenkästen und von Lichterketten umrankten Sträuchern die bekannten Kirchenlieder, „O du fröhliche“, „Macht hoch die Tür“ und „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her“. Die Männer lieben aber auch den Swing, schlagen einen vergnügten Jazz-Rhythmus ein, zelebrieren Weihnachten ein bisschen im Rhythmus südlicher Kulturen.

Lieb gewonnene Tradition wird fortgeführt

So klingt dann „Let It Snow“, „We Wish You A Merry Christmas“ und „Rudolph, The Rednosed Rendeer“. Von kindlich-nostalgischer Freude geprägt ist „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä“, was auch auf dem Gehsteig heiteres Gelächter auslöst. Ralf Zenker und Reinhard Rumisch waren mit ihren Trompeten schon von Anbeginn dabei, als Gerhard Duwensee den Brauch aus seiner ostpreußischen Heimat vor 26 Jahren in Heusenstamm aufleben ließ. Peter Hergert bläst eine schwere Bassposaune, Gast Matthias Jäger ergänzt den Klang mit einer Posaune. Ursprünglich stammen die Musiker aus der Stadtkapelle. Heute spielt dort nur noch Zenker aktiv mit.

Die lieb gewonnene Tradition soll auch im nächsten Jahr fortgeführt werden, versprechen die Organisatoren, wenn Gerhards Enkel Gregor mit seiner Familie in die Wohnung im vierten Stock gezogen sein wird. Zu den jüngsten Freundinnen des Turmblasens zählen Maja mit zweidreiviertel Jahren und Polly mit zehn Monaten. Ihr Opa Günter schickt per Mikrofon und Lautsprecher noch gute Wünsche nach unten, dann erklingen die festlichen Takte zum Abschluss.

Früher störte das Abfahren der Gottesdienstbesucher“, erinnert sich Günter Duwensee. Dann hat die Freie evangelische Gemeinde ihren Gottesdienst um eine halbe Stunde auf 15.30 Uhr vorverlegt. Wer möchte, bleibt danach bis zum Musizieren auf dem Wohn- und Geschäftshaus. Diesmal klingt es noch schöner als sonst – die milde Witterung verbesserte das Bedienen der Instrumente, weil kein Wind weht, ist auch die Akustik prächtig.